Ein Reisebericht

Auf Einladung des Willy-Brandt-Centers in Jerusalem hatten 15 Frauen aus ganz Deutschland die Möglichkeit, an der diesjährigen Delegation nach Israel und Palästina teilzunehmen. Ich war eine davon! Im Folgenden möchte ich euch über Erlebnisse und meine Erfahrungen in dieser so vielseitigen Region berichten.

Unsere Reise beginnt in Betlehem, wo wir uns nicht nur von den verwinkelten Gässchen und kleinen Hinterhofmärkten begeistern lassen, sondern auch einen Einblick in das Leben und die politische Arbeit einer Kommunalpolitikerin bekommen. Frauen in Palästina haben vor allem mit einer patriarchalen Gesellschaft zu kämpfen, die kaum Raum für Gleichstellung bietet. Die Repräsentation von Frauen in politischen Ämtern ist gering, auf adäquate Bildung für Mädchen wird wenig Wert gelegt. Auch häusliche Gewalt ist ein großes Problem. Um dem entgegenzuwirken ist es vor allem wichtig, die ökonomische Unabhängigkeit von Frauen zu fördern und bereits in jungen Jahren effiziente Bildungsarbeit zu leisten, um Gewalt gegen Frauen vorzubeugen.

Die nächste Station unserer Reise ist Jerusalem, das als ärmste Großstadt des Landes mit einigen Problemen zu kämpfen hat: Hohe Wohnungspreise, kaum sozialer Wohnungsbau und vergleichsweise hohe Steuern erschweren das Leben. Jerusalem ist aber auch mehr als eine normale Großstadt. Besonders die große Bedeutung für die Religionen Judentum, Islam und Christentum wird spürbar, wenn auf kleinstem Raum die Klagemauer, die al-Aqsa-Moschee und die Grabeskirche zusammenkommen.

Hier treffen wir auf eine Gruppe von jüdischen Aktivistinnen, die für die Gleichberechtigung von Frauen an der Klagemauer kämpft. „Women of the Wall“ kritisiert die Ungleichbehandlung hinsichtlich der kleineren Bereiche für Frauen an der Klagemauer. Außerdem setzen sie sich dafür ein, dass Frauen die Freiheit genießen dürfen, ebenfalls laut zu beten und ihre religiösen Zeichen offen zu tragen, wie zum Beispiel die Thora zu halten. Für ihr Engagement sind einige Aktivistinnen bereits verhaftet worden, denn gerade der Gegenwind seitens der ultraorthodoxen JüdInnen ist groß. Wir sind begeistert von so viel Kampfgeist, der zeigt, wie Feminismus und Religion miteinander einhergehen.

Während unserer Delegationsreise findet Yom haShoa statt, der israelische Nationalfeiertag und gleichzeitig Gedenktag für die Opfer der Shoa. Wir verbringen den Tag in Yad Vashem, der Holocaust-Gedenkstätte in Jerusalem. Bewegende Bilder und Geschichten machen uns bewusst, dass unsere Perspektive auf den Tag besonders ist. Die spezielle Verantwortung unserer Generation hinsichtlich der Aufarbeitung des Nationalsozialismus ist unabdingbar. Es gilt, die Erinnerungskultur und den Diskurs aufrecht erhalten. Gemeinsam müssen wir verhindern, dass Antisemitismus, Fremdenfeindlichkeit und Hass wieder gesellschaftsfähig werden. Die Pflege der historischen Beziehungen zwischen Deutschland und Israel ist ein großer Teil davon.

Die Bildungseinrichtung Givat Haviva lebt dieses Verständnis. Als Begegnungsstätte zwischen israelischen und palästinensischen Jugendlichen versucht der Ort Brücken zu bauen, Freundschaften zu schaffen und den Dialog zu fördern. Givat Haviva pflegt seit Jahren eine enge Zusammenarbeit mit Rheinland-Pfalz. Auf unserem Besuch lernen wir den Ort kennen und reflektieren selbst über unsere eigene Perspektive auf den Konflikt. Wir kommen zu der Erkenntnis, dass es hier kein richtig oder falsch, keine Gewinner oder Verlierer gibt.

Das Willy-Brandt-Center verfolgt genau diese Idee. Das Center befindet sich auf der grünen Linie, der Grenze zwischen West- und Ostjerusalem und ist so von beiden Seiten erreichbar. Gebaut auf der Idee des trilateralen Austausches zwischen Israel, Palästina und Deutschland, kommen hier Menschen zusammen, die gemeinsam für ein friedliches Zusammenleben einstehen. Die zivilgesellschaftliche Umsetzung des Friedensprozesses verwirklicht die Idee der Zwei-Staaten-Lösung. Auf der Basis sozialistisch-sozialdemokratischer Werte entstehen Programme, Austausche und Besuche, um eine Plattform für den Dialog zu schaffen.

Hier haben wir die Möglichkeit, mit Vertreterinnen unserer Partnerparteien ins Gespräch zu kommen, verschiedene Narrative auf den Konflikt zu bekommen und gleichzeitig Freundschaften zu schließen. Gemeinsam leben wir das Prinzip der doppelten Solidarität der Jusos sowohl mit Israel als auch mit Palästina und machen einen weiteren Schritt Richtung Frieden in der Region.

von Alina Hanss, Vorsitzende Jusos Mainz-Bingen