80 Jahre sind vergangen seit jenen Tagen, als sich ein wütender Pöbel durch Städte und Dörfer wälzte, um Vergeltung für ein politisch motiviertes Attentat zu üben, geleitet von „gerechter“ Volksempörung – nein, so ist es nicht gewesen.

Es handelte sich um gelenkte Gewalt, die in den Tagen des 9./10. Novembers 1938 ausgebrochen war.

Der Fernschreiber tickert! 1:20 Uhr, 10. November 1938

„An die Staatspolizeistelle Darmstadt, Außenstelle Mainz, Kaiserstraße

…. „Es sind in allen Bezirken so viel Juden, insbesondere wohlhabende, festzunehmen, als in den vorhandenen Hafträumen untergebracht werden können. Es sind zunächst nur gesunde, männliche Juden nicht so hohen Alters festzunehmen.

Nach Durchführung der Festnahme ist unverzüglich mit den zuständigen Konzentrationslagern wegen schnellster Unterbringung der Juden in Lagern Verbindung aufzunehmen. Es ist engstes Einvernehmen zwischen Sicherheitspolizei und Ordnungspolizei zu wahren.“ Gez. Heydrich, SS-Gruppenführer

Das Judenpogrom war Reichssache unter Federführung der SS und der Gestapo. Ihr unterstanden sowohl die Ordnungspolizei, die Feuerlöschpolizei, sowie die Gau- und Kreisleitungen mit der SA, HJ und allen anderen NS-Gliederungen.

Es kann bei den Ereignissen im November 1938 von einer sichtbaren Gewalt „von unten“ und deren Legitimation „von oben“ gesprochen werden. Es hatte dazu nur eines Anlasses bedurft, der die Gewalt ausbrechen lassen würde, und die lieferte das Attentat des 17-jährigen Herschel Grynszpans in Paris, das er aus Protest gegen die Zwangsabschiebung seiner Familie aus Deutschland nach Polen verübt hatte. Das Attentatsopfer, der Botschaftsangehörige Rat, verstarb am 9. November.

Die Weisungen zu den Pogromen gingen von München aus, wo die NS-Führung mit alten Kämpfern der NSDAP des Hitler-Putsches am 9. November 1921 gedachte. Goebbels, der wortgewaltige Demagoge, hielt eine wüste, antisemitische Hetzrede, worin er andauernd den „Volkszorn“ beschwor. Den Hinweis, dass die Partei Aktionen wohl nicht organisieren würde, dennoch solche auch nicht verhindern würde, nahmen die anwesenden Gauleiter gerne auf. Telefonisch ergingen die Befehle an ihre Unterführer, die sie an die SA weiterleiteten.

Wenn sich auch nur eine Minderheit an den Plünderungen und Brandschatzungen beteiligte, verharrte die Mehrheit schweigend, eingeschüchtert durch den Pöbel. Allerdings zeigten auch nur wenige Mitgefühl für ihre drangsalierten Mitbürger. Wert- und Verhaltensweisen begannen auseinanderzudriften.

Längst hatten Schikanen und Hetze gegen die jüdische Bevölkerung den Alltag erreicht. Allein im Jahre 1938 verging kaum ein Monat ohne neue Willkürmaßnahmen.

Januar: 1938

Keine Zulassung jüdischer Schüler zur Reifeprüfung an öffentlichen Schulen

Februar: 1938

Bestallungsverbot für jüdische Tierärzte

April: 1938

Verordnung gegen die Tarnung jüdischer Betriebe und gegen Irreführung bei Abschluss von Rechtsgeschäften für Juden

April: 1938

Juden müssen ihr gesamtes in- und ausländisches Vermögen anmelden, sofern es ohne Berücksichtigung von Verbindlichkeiten 5.000 RM übersteigt.

Mai: 1938

Angabe von Umzugsgut von Auswanderern bei den Devisenstellen

Mai: 1938

Ausschluss von Juden bei der Vergabe öffentlicher Aufträge

Juni: 1938

Jüdische Gewerbebetriebe werden in ein Verzeichnis eingetragen, eine besondere Kennzeichnung kann angeordnet werden

Juli: 1938

Kennkartenzwang für Juden. Bei mündlichen Anträgen bei Behörden müssen sie ihre Kennkarte unaufgefordert vorlegen, bei schriftlichen Anträgen auf ihre Eigenschaft als Jude hinweisen

August: 1938

Männliche Juden müssen ab 1.1.1939 den zusätzlichen Vornamen „Israel“ annehmen, Jüdinnen den Vornamen „Sara“

September: 1938

Juden wird die Zulassung als Rechtsanwalt zum 30. 11 entzogen

Oktober: 1938

Reisepässe von Juden werden eigezogen und müssen mit einem „J“ versehen werden.

Im Herbst 1938 befanden sich von ehemals rund 100 000 jüdischen Betrieben noch etwa 40.000 in Händen ihrer rechtmäßigen Besitzer. Ein Eldorado für Glücksritter jeglicher Couleur, denn die Betriebe wurden in der Regel zu einem Bruchteil ihres Wertes, an die neuen Besitzer überführt. „arisiert“ nannte sich das perfide Spiel.

Und dann kam am 9. November.

Trotz großer Anstrengung war es den Nazis bisher nicht recht gelungen, die Juden als Staatsfeind Nr. 1 den Volksgenossen zu präsentieren. So hatten „Judenboykotte“, wie in Mainz, Worms, Bingen, Alzey und Oppenheim, vom März bis April 1933, nur so lange Wirkung gezeigt, wie die SA-Schläger vor den jüdischen Geschäften sich aufgestellt hatten.

Es hatte das Signal, ein Fanal gefehlt, um den „Volkszorn“ zu entflammen und zu instrumentalisieren.

Jetzt war es so weit.

In Bingen versuchten SA-Horden, unter Führung des Volksschullehrers und SA-Sturmführers Matthes aus Ingelheim die Synagoge (Baujahr 1905) in Brand zu setzen. Die Bänke wurden mit Benzin übergossen und angesteckt. Selbst die Orgel, die die Stadt Bingen der jüdischen Kultusgemeinde geschenkt hatte, blieb nicht verschont. Gegen Abend brannte die Synagoge. Der Einsatz der alarmierten Feuerwehr wurde sabotiert.

Zuvor waren in der Presse häufig Artikel aufgetaucht mit der Anklage: „Das Maß ist jetzt voll!“ Jetzt erschien im „Binger Anzeiger“ die Überschrift „Die Antwort“.

Im heuchlerischen Ton thematisierte der Artikel: „…dass alle Aktionen, trotz der angeblich übergroßen Verbitterung der Bevölkerung in erstaunlicher Disziplin abgelaufen seien“. Es wurde gar behauptet, dass keinem Juden „ein Haar gekrümmt worden sei“. Das entsprach nicht der Wahrheit – es war zu zahlreichen Übergriffen, Plünderungen und Zerstörungen gekommen.

In Grünstadt lebten zum Zeitpunkt der Novemberpogrome nur noch 17 Juden, die entweder mittellos waren, oder zuerst noch ihren Grundbesitz veräußern mussten, um die Ausreisesteuer (Reichsfluchtsteuer genannt) aufbringen zu können.

Hauptziel der Aggression richtete sich auf das Anwesen eines Warenhausbesitzers und die Synagoge. Das Synagogen-Gebäude konnte wegen der dichten Bebauung nicht in Brand gesetzt werden, doch wurde die Inneneinrichtung zertrümmert. Kultgegenstände, die Thora, selbst eine Harmonika wurde auf die Straße geworfen – unter dem Gejohle der SA-Horden und etlicher Zuschauer. Zwei alte Frauen (Schwestern) flüchteten aus ihrem Häuschen, während ihr Hausrat auf die Gasse flog. Frauen, die ihr ganzes Leben im Ort verbracht hatten.

Für Mainz ordnete der SA-Brigadeführer die Zerstörung beider Synagogen und die Zerschlagung des Mobiliars in den jüdischen Wohnungen an. Dazu schreibt der „Mainzer Anzeiger“ am 18. November 1938:

„Die Synagoge in der Mainzer Neustadt wurde gesprengt. Möge an der Stelle, wo bis dahin misstönende Wüstengesänge erschollen sind, nun als bald fröhliches Kinderlachen und manche echte deutsche Weise erklingen“

In Alzey erhält die Polizei von der Gestapo Hauptstelle in Darmstadt in den Morgenstunden des 10. Novembers den Befehl, bei Dienstantritt auf der Wache zu bleiben und nicht gegen Juden gerichtete Aktionen einzuschreiten. Dem Befehl wurde Folge geleistet. Die Alzeyer Synagoge konnte wegen ihrer Lage nicht angezündet werden, doch wurde ihre Einrichtung zerstört.

Im Weinort Framersheim marodierten SA-Proleten volltrunken ihren „Volkszorn“ ab. Sie zerstörten und plünderten jüdisches Eigentum. Über 3.000 Liter Wein „wechselten“ die Besitzer. Doch es blieb nicht nur bei Sauferei und Plünderung. 29 jüdische Mitbürger wurden auf einen offenen Lastwagen verladen und ans Mainzer Rheinufer gefahren, wo man sie der Gestapo überstellte. Sie kamen in einen Transport nach Theresienstadt. Keiner von ihnen kehrte in seinen Wohnort zurück.

Auch kleinste Dörfer, wie das abgelegene Nieder-Wiesen, blieben nicht verschont. Wohl fanden die SA-Schläger keinen Juden im Dorf an, doch setzten sie die kleine Synagoge in Brand. Stroh und Benzin fanden sich überall.

Besonders übel wurde in Oppenheim gewütet. Die Synagoge ging in Flammen auf und 13 Häuser von jüdischen Bürgern wurden verwüstet. Die jüdischen Bewohner (Männer) wurden noch in der Nacht verhaftet und am Morgen barfuß, unter schweren Misshandlungen, zum Rheinufer getrieben, um dort weiteren Übergriffen ausgesetzt zu sein. Sie alle wurden nach Buchenwald verbracht.

Die Brandschatzung der Ingelheimer Synagoge konnte wegen der engen Bebauung nicht in die Tat umgesetzt werden. So begann man mit ihrem Abriss – unter Leitung des schon genannten SA-Sturmführers Mathes, und des SA-Obertruppenführers Hermann. An dem Zerstörungswerk beteiligten sich auch Angehörige der „Österreichischen Legion“. SA-Männer, die in einem Lager in Wackernheim untergebracht waren.

Auch aus dem Weinort Guntersblum sind anschauliche Berichte über die Ereignisse bekannt. Es sind wichtige Dokumentationen, da man lange Zeit die Terrorakte auf „fremde SA-Männer“ usw. abgeleitet hatte, wobei so mancher Ortsbewohner „zugriff“. Die zerstörten Wohnungen der jüdischen Mitbürger luden zum Ausrauben direkt ein, da keine Ordnungsmacht die Plünderung verhinderte.

In Guntersblum wurden am 10. November sechs jüdische Bürger durch das Dorf getrieben. Kinder hatten schulfrei und randalierten in den Gassen. Die Synagoge konnte wegen der engen Fachwerkbebauung nicht angezündet werden.

Der Journalist und Autor Sven Felix Kellerhoff schreibt in seinem bei Klett-Cotta erschienen Buch „Ein ganz normales Pogrom“, dass Guntersblum lange ein tolerantes Dorf gewesen war, in dem die Nazis kaum Wählerstimmen erhielten und Juden in den Vereinen sehr aktiv waren. Doch das Geschehen um den 9. November zeigt, wie schnell eine radikale Minderheit, die schweigende Mehrheit mitreißen konnte.

Das lässt aufhorchen, wenn der Mob aufmarschiert, mit Gewalt versucht sein „Recht“ oder was immer er darunter versteht, durchzusetzen, kann es leicht zu moralischen Verwerfungen kommen. Einmal in die Welt geschickt, sind Hass, Hetze, Verleumdung ein trüber Sumpf, aus dem gefährliche Dämpfe aufsteigen.

Es sind dies Einzelbeispiele, die sich bei den Novemberpogromen abgespielt haben. Die Bilanz des Pogroms, das am 10. November für beendet erklärt wurde, waren mehrere hundert zerstörte Synagogen und Betstuben, verwüstete Geschäfte und Wohnungen. Die Übergriffe hatten dazu ca. hundert Todesopfer gefordert.

Der Gewalteskalation folgten weitere perfide Maßnahmen an bürokratischer Diskriminierung. Gleich nach den Ereignissen hatten die jüdischen Mitbürger laut der „Verordnung zur Wiederherstellung des Straßenbildes bei jüdischen Gewerbetreibenden“ vom 12. November 1938 alle bei den Pogromen angerichteten Schäden auf eigene Kosten zu beseitigen, evtl. Versicherungsleistungen wurden zu Gunsten des Reiches beschlagnahmt.

Manch eine wertvolle Immobilie wechselte im Nachklang zu den Ereignissen zu günstigen Bedingungen den Besitzer. Zuständig waren sie Finanzämter. Die Vergabe der Immobilien war abhängig von der politischen Beurteilung der Interessenten. „Alte Kämpfer“ der NSDAP und gute Parteigenossen wurden bevorzugt.

Manch florierender Betrieb im Nachkriegsdeutschland konnte seinen Ursprung auf „arisierten“ Besitz zurückführen. Selten taten, oder konnten, die ehemaligen Besitzer Rückforderungen erreichen.

Das November-Pogrom lässt in menschliche Abgründe sehen. Sozialneid, Habgier und Mordlust, bündeln sich zu einer gefährlichen Allianz. Verharmlosung des Geschehens und des Verschweigens, lösten sich bei vielen Beteiligten in der Erinnerung vollkommen aus. „Das war niemand von hier..!“, ist ein oft gehörter Satz.

Täter vergessen schneller, als ihre Opfer.

Die Worte „Nie wieder“, durch Sonntagsreden inflationär geworden, haben als Apell eine neue Qualität erhalten. Wachsam müssen wir bleiben, dass nicht stillheimlich eine Kultur der Intoleranz salonfähig wird. Das Weltbild der AfD zeichnet sich durch Chauvinismus, geistiger Enge, kleinbürgerliche Genügsamkeitsansprüche in Abgrenzung gegen alles, was nicht in dieses Weltbild passt – und wenn es nur ein Kopftuch ist- aus.

Es darf nie wieder geschehen, dass Menschen gedemütigt, vertrieben und ermordet werden. Wehren müssen wir uns, dass sich intolerantes Denken nicht potenziert und gesellschaftlich akzeptiert wird.

Überall in Europa sind solche Tendenzen zu beobachten – und das ist nicht gut für die Demokratie

Wehret den Anfängen!

 

Quellen:

Nationalsozialismus II – Führerstaat und Vernichtungskrieg, Information zur politischen Bildung, 2000
Leiwig, Heinz: Es war ja nichts – Nationalsozialismus in Rheinhessen,1933 bis 1945, Eine Bilddokumentation
Landesarchivverwaltung Rheinland-Pfalz, Koblenz 2001: Verfolgung und Verwaltung
Sven Felix Kellerhoff: Ein ganz normales Pogrom, Klett Cotta
Dr. Richard Grünfeld: „Zur Geschichte der Juden in Bingen am Rhein“, Festschrift zur Einweihung der neuen Synagoge in Bingen, 1905
Geschichte der jüdischen Gemeinde von Grünstadt, Hrsg. Ökonomischer Freundeskreis.
Wolfgang Dörr: Zur Geschichte der Juden in Meisenheim und Umgebung, Hrsg. Träger- und Förderverein Synagoge Meisenheim, 1991